Donnerstag, 6. Juni 2013

Schlachthofbesuch II: Kein normaler Schlachthof


Wieder 4.30 h am morgen, wieder Fahrt zum Schlachthof. Diesmal Eschweiler. Nach wochenlangen Telefonaten endlich das okay, dass wir kommen können.
Diesmal begleitet vom WDR (Fernsehen).
Fotos und Videos im Schlachthof durften wir dann aber leider nicht machen. Aber trotzdem:

Wir waren überrascht von der Ruhe und Gelassenheit im Umgang mit den Tieren dort. Eine halbe Stunde wurde gewartet, als eine Kuh nicht in die Tötebox ging. Dann wurde sie zurück in den Stall gebracht und eine andere geholt. Kein Gestank, kein Lärm, kein Treiben der Kuh, keine Tiere bei Bewusstsein nach dem Bolzenschuss, kein panisches Um-sich-schlagen mit den Beinen. Ideale Bedingungen, so schien es uns. 

Trotzdem: Der Moment des Bolzenschusses ist heftig. Zuzusehen, wie die Kehle durchgeschnitten wird, der Kopf zurückklappt (entsprechende Fotos hatten wir für die Aufführung aussortiert, weil wir das zu heftig fanden) und das zwar betäubte, aber ja noch lebende Tier ausblutet - wie ihm dann die Beine abgeschnitten werden, etc. - das lässt einen nicht unbeeindruckt. Beim Bolzenschuss schießt mir der Niman-Satz durch den Kopf: "Will ich dieses wunderbare und schöne Tier wirklich töten?"; erst finde ich es etwas kitschig, dass mir ausgerechnet das einfällt. Später erzählt mir Stefan, dass er exakt den Satz in der Situation einem der Schauspieler ins Ohr geflüstert hätte. - Da steckt was drin. Die Kuh ist beeindruckend, und ja: Es ist ein schönes Tier. 



Klaus Philippi, Vorstand des Schlachthofes, erzählte uns von seinen Horror-Erfahrungen in Großbetrieben, die die Berichte in Foers Buch auch für Deutschland zu bestätigen scheinen. Nur sind es hier nicht Mexikaner, sondern ungelernte Osteuropäer. Auch sie sind mit 3 Euro die Stunde grotesk unterbezahlt – und auch sie würden alle drei Monate ausgetauscht, berichtet Philippi. Der WDR-Reporter, der uns begleitete und Großschlachterei-erfahren war, meinte: Eschweiler sei nicht normal. Das sei kein Schlachthof wie die, die er kenne. In denen röche es nach Angst, Scheiße und Blut. 


Dagegen hier ein Schlachthof, wie man ihn sich wünschen sollte; nur 8 Kühe  pro Stunde werden geschlachtet. Die Langsamkeit erhöht aber nicht nur das Tierwohl und die Qualität – sondern auch den Preis. Ein Vorzeige-Schlachthof braucht Unterstützung – statt dessen ächzt und stöhnt Eschweiler unter den behördlichen Auflagen und häufigen Kontrollen, und die Schließung hängt immer mal wieder drohend über dem Betrieb. Und wenn sie kommt – was dann?

 Wir sind inzwischen so in der "Szene" drin, dass wir morgens um 5 in Eschweiler zufällig Bekannte treffen... Tim Stöbe fährt vor, um seine Schweine abzuholen. 
Denn nicht nur Stöbes Öko-Betrieb hängt von Eschweiler ab; mit konventionellem Rind- und Schweinefleisch lassen sich auch andere Aachener Metzgereien direkt aus dem Schlachthof in Eschweiler beliefern, darunter u.a. Cornely, Kerres, Lemmen und Waldorff; auch Stenten am Krugenofen zählt zu den Kunden. Regionale Kleinstrukturen jenseits der Massenbetriebe halten sich nicht von selbst. Wer sie will, muss sie unterstützen. Mit der Entscheidung, Fleisch zu kaufen, das aus Eschweiler stammt, stärkt man nicht nur regionale Strukturen – man hilft, die schlimmsten Auswüchse der Massentierhaltung zu mindern, und: man kauft deutlich besseres Fleisch.
Harald Wolff

1 Kommentar:

  1. Zunächst mal frage ich mich, welchen Grund es für die Behörden gibt, diesen ach so tierlieben Schlachthof zu schließen. Der letzte Bericht über erneute Tierschutz-Verstöße dort war erst am 7.6. in der Aachener Zeitung.
    Genauso kurz gedacht ist das Statement von Markus Weickert im Lokalzeit-Bericht, in dem er Fleisch aus dem Eschweiler Schlachthof als "Alternative" bezeichnet. Selbst wenn es sich um schonende Schlachtung von Tieren aus Bio-Haltung handeln würde, sollten Sie aufgrund Ihrer Recherchen doch wissen, dass sowas keine Alternative für die menschliche Ernährung darstellen kann. Die Tiere werden trotzdem im Jugendalter getötet, die Anforderungen der Bio-Haltung bringen den Tieren nur marginale Verbesserungen und die Öko-Bilanz von Bio-Tieren ist so verheerend, dass es völlig unmöglich wäre, alle Menschen mit Biofleisch zu versorgen.

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