Gerade von uns als tolle regionale Alternative gefeiert, ist jetzt wahr geworden, was wir befürchtet (und als Zukunftsprognose erwartet - allerdings nicht so kurzfristig) haben:
Der Schlachthof in Eschweiler wurde geschlossen.
Wir bringen das, was wir in der Zeitung lesen (Schläge etc.) nicht zusammen mit dem, was wir gesehen haben, als wir da waren. Unser Eindruck war wie hier beschrieben. Und der Witz ist: Wir waren da, als die Prüfer da waren.
Unsere Empfehlungen, wo man in Aachen Fleisch kaufen kann, das in ethisch vertretbarer Weise hergestellt wurde, relativieren sich damit.
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Samstag, 8. Juni 2013
Donnerstag, 6. Juni 2013
Neue Geschichten erzählen
Der Metzger Ralf Stöbe hat uns erzählt, dass er keine Lust mehr hatte, Schweine aufzuschneiden, die nach Fisch riechen. Dass er keine Lust mehr hatte, seinen Beruf so auszuüben, dass er mit Handwerk nichts mehr zu tun hatte. Dass er keine Lust mehr hatte, Fleisch zu verkaufen, das seinen Vorstellungen von Qualität schon lange nicht mehr entsprach.
Ralf Stöbe hat nach
Alternativen gesucht – und kam zu dem Schluss, dass eine andere Form der
Berufsausübung nur über die Umstellung auf einen Bio-Betrieb möglich sei. Und
stand dann vor dem Problem, dass es dafür keine Strukturen gab. Wie kommt man
an Bio-Schweine und -Rinder in der hohen Stückzahl, die er benötigte, um ein
Vollsortiment anbieten zu können? Zum Schlachten sind kleine Schlachthöfe mit
Bio-Zertifizierung notwendig – wo findet man die? Und schließlich: Wie
verarbeitet man ein ganzes Tier so, dass es auch verkauft werden kann (nur 3%
eines Tieres sind Steaks – was macht man mit dem Rest?)
Niemand konnte ihm
sagen, wie das geht, viele Fertigkeiten, die dafür notwendig waren, musste er
sich selbst erst wieder aneignen, denn Metzger verarbeiten schon lange keine
ganzen Tiere mehr. Und er musste regionale Strukturen schaffen: Mit Hilfe des
Bioland-Verbandes fand er einen Bauern (Herrn Groß-Weege; dafür musste er aber
bis Hamminkeln reisen), der bereit war, die benötigte hohe Stückzahl an
Schweinen großzuziehen.
Und sie so
großzuziehen, dass sie ein erträgliches Leben haben. Die Bioland-Ansprüche sind
hoch: Die Tiere brauchen Platz, die Nahrung, die verfüttert wird, muss der
Betrieb selbst anbauen – keine Sojaimporte, kein Fischmehl. Und man mag kaum
glauben, dass das ein Alleinstellungsmerkmal ist: die Tiere bekommen zu trinken
(konventionell gehaltene Schweine haben diese Möglichkeit nicht; wenn sie
durstig sind, müssen sie in Wasser eingeweichte Nahrung zu sich nehmen; auf
diese Weise fressen sie mehr und wachsen schneller).
Für beide Seiten ein
enormes wirtschaftliches Risiko: bis zur Schlachtreife dauert es knapp ein Jahr
(zum Vergleich: ein Schwein in konventioneller Haltung braucht nach seiner
Geburt nur etwa 4 Monate, bis es so gemästet ist, dass es geschlachtet werden
kann), das heißt, der Bedarf eines ganzen Jahres musste vorproduziert und
-finanziert werden – wäre die Umstellung von den Kunden nicht angenommen
worden, wären beide Betriebe ruiniert gewesen.
Schlaflose Nächte habe
er gehabt, sagt uns Metzger Stöbe. Und tatsächlich hätte er „100%“ seiner
Kunden verloren. Vier Wochen habe es gedauert, bis der neue Laden so gut
angenommen worden sei, dass absehbar wurde, dass es funktionieren kann.
Mit der Aufzucht
alleine ist es aber nicht getan: Die Tiere müssen geschlachtet werden. Der
Hauptunterschied bei der Schlachtung zu konventionell gehaltenen Tiere ist,
dass die Bioschweine nicht direkt aus dem LKW in die Schlachtstraße getrieben
werden, sondern Ruhephasen haben. Beruhigungsphasen. Diese simple
Tierschutzmaßnahme hat massive Auswirkungen auf die Fleischqualität: Tiere, die
panisch sind, wenn sie geschlachtet werden, produzieren Stresshormone, die sich
deutlich negativ auf den Geschmack auswirken.
Was wie eine einfache
(und selbst aus einem wirtschaftlichen Blickwinkel absolut sinnvolle) Maßnahme
klingt, ist schwer umzusetzen: Die großen Schlachthöfe, in denen 20.000 Tiere
am Tag getötet werden, haben weder die Zeit noch die Fläche, den Schweinen
20-minütige Pausen (und um mehr geht es nicht) zu ermöglichen. Kleine
Schlachthöfe aber gibt es kaum: Die Auflagen für Schlachthöfe werden EU-weit
immer höher, die zum Betrieb nötigen Anlagen sind für Kleinbetriebe kaum mehr
bezahlbar, und in der Folge machen immer mehr Schlachthöfe dicht – das ist
politisch so gewollt. Die Strukturen werden stetig größer.
Das Verschwinden der regionalen Strukturen
Noch kann Ralf Stöbe
die Tiere wie oben beschrieben im Schlachthof Eschweiler schlachten lassen (Wir haben ihn besucht. Wie es dort zugeht, berichten wir hier).
Dessen Existenz ist aber bedroht, man konnte das in der Aachener Presse
verfolgen. Unterstützung für das Erhalten der regionalen
Strukturen gibt es nicht, im Gegenteil: Es scheint nur eine Frage der Zeit zu
sein, bis der letzte verbliebene regionale Schlachthof unter der Last der
Auflagen zusammenbricht. Und dann?
Die Anforderungen an
seine Form der Betriebsführung sind so hoch, dass es nach Einschätzung von Ralf
Stöbe heute in ganz Deutschland nur 8-10 Betriebe gibt, die all diese Fragen
gelöst haben und ausschließlich selbst hergestellte biologische Produkte
anbieten.
Auffällig sind die
strukturellen Gemeinsamkeiten in den Erzählungen von Bill Niman und Ralf Stöbe,
bis hinein in die Wortwahl: Beide reden von ihrem Beruf als Berufung, beide
sind zuallererst Idealisten, getrieben von einem hohem handwerklichen Ehrgeiz,
und beschreiben ihre Ziele mit fast identischen Worten: Sie wollen, dass ihr
Fleisch das Beste ist, was es gibt. Und beide sind so kompromisslos, dass sie
mit den bestehenden Strukturen nicht zufrieden waren und sich aufgemacht haben,
neue zu schaffen, die ihren Ansprüchen genügen, mit vollem persönlichen und
finanziellen Risiko. Beide mussten sich selbst beibringen, wie es funktioniert,
und beide haben ein Modell geschaffen, das nachgeahmt werden kann. Beide
formulieren das, mit fast identischen Worten, als Ziel: Ich habe gezeigt, dass
es geht, sagt Stöbe. Wir haben ein Vorbild geschaffen, sagt Niman. Und beide
sagen: Andere können und sollen das nachmachen. Sie müssen nur wollen.
Und nicht zuletzt:
Beide zeichnet hoher Respekt vor den Tieren aus, mit denen sie umgehen. Das
betrifft die Aufzucht, aber auch die Verwertung. Ralf Stöbe verwendet fast
alles vom Tier – das ist (entgegen unserer Erwartung) leider alles andere als
eine Selbstverständlichkeit, und tatsächlich eine der größten Herausforderungen
beim Führen eines solchen Betriebes; und der Hauptgrund, warum es bislang kaum
Nachahmer gibt: Die Metzger fürchten die dafür notwendige Logistik.
Harald Wolff
Schlachthofbesuch II: Kein normaler Schlachthof
Wieder 4.30 h am morgen, wieder Fahrt zum Schlachthof. Diesmal Eschweiler. Nach wochenlangen Telefonaten endlich das okay, dass wir kommen können.
Diesmal begleitet vom WDR (Fernsehen).
Fotos und Videos im Schlachthof durften wir dann aber leider nicht machen. Aber trotzdem:
Wir waren überrascht von der Ruhe und Gelassenheit im Umgang mit den
Tieren dort. Eine halbe Stunde wurde gewartet, als eine Kuh nicht in die
Tötebox ging. Dann wurde sie zurück in den Stall gebracht und eine andere
geholt. Kein Gestank, kein Lärm, kein Treiben der Kuh, keine Tiere bei
Bewusstsein nach dem Bolzenschuss, kein panisches Um-sich-schlagen mit den
Beinen. Ideale Bedingungen, so schien es uns.
Trotzdem: Der Moment des Bolzenschusses ist heftig. Zuzusehen, wie die Kehle durchgeschnitten wird, der Kopf zurückklappt (entsprechende Fotos hatten wir für die Aufführung aussortiert, weil wir das zu heftig fanden) und das zwar betäubte, aber ja noch lebende Tier ausblutet - wie ihm dann die Beine abgeschnitten werden, etc. - das lässt einen nicht unbeeindruckt. Beim Bolzenschuss schießt mir der Niman-Satz durch den Kopf: "Will ich dieses wunderbare und schöne Tier wirklich töten?"; erst finde ich es etwas kitschig, dass mir ausgerechnet das einfällt. Später erzählt mir Stefan, dass er exakt den Satz in der Situation einem der Schauspieler ins Ohr geflüstert hätte. - Da steckt was drin. Die Kuh ist beeindruckend, und ja: Es ist ein schönes Tier.
Klaus Philippi, Vorstand des
Schlachthofes, erzählte uns von seinen Horror-Erfahrungen in Großbetrieben, die
die Berichte in Foers Buch auch für Deutschland zu bestätigen scheinen. Nur
sind es hier nicht Mexikaner, sondern ungelernte Osteuropäer. Auch sie sind mit
3 Euro die Stunde grotesk unterbezahlt – und auch sie würden alle drei Monate
ausgetauscht, berichtet Philippi. Der WDR-Reporter, der uns begleitete und
Großschlachterei-erfahren war, meinte: Eschweiler sei nicht normal. Das sei
kein Schlachthof wie die, die er kenne. In denen röche es nach Angst, Scheiße
und Blut.

Dagegen hier ein Schlachthof, wie man ihn sich wünschen
sollte; nur 8 Kühe pro Stunde werden
geschlachtet. Die Langsamkeit erhöht aber nicht nur das Tierwohl und die
Qualität – sondern auch den Preis. Ein Vorzeige-Schlachthof braucht
Unterstützung – statt dessen ächzt und stöhnt Eschweiler unter den behördlichen
Auflagen und häufigen Kontrollen, und die Schließung hängt immer mal wieder
drohend über dem Betrieb. Und wenn sie kommt – was dann?
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| Wir sind inzwischen so in der "Szene" drin, dass wir morgens um 5 in Eschweiler zufällig Bekannte treffen... Tim Stöbe fährt vor, um seine Schweine abzuholen. |
Denn nicht nur Stöbes Öko-Betrieb hängt von Eschweiler ab;
mit konventionellem Rind- und Schweinefleisch lassen sich auch andere Aachener
Metzgereien direkt aus dem Schlachthof in Eschweiler beliefern, darunter u.a.
Cornely, Kerres, Lemmen und Waldorff; auch Stenten am Krugenofen zählt zu den
Kunden. Regionale Kleinstrukturen jenseits der Massenbetriebe halten sich nicht
von selbst. Wer sie will, muss sie unterstützen. Mit der Entscheidung, Fleisch
zu kaufen, das aus Eschweiler stammt, stärkt man nicht nur regionale Strukturen
– man hilft, die schlimmsten Auswüchse der Massentierhaltung zu mindern, und:
man kauft deutlich besseres Fleisch.
Harald Wolff
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