Samstag, 25. Mai 2013

Misereor zu Besuch

Diese Woche hatten wir Gelegenheit, mit den Welternährungsexpertinnen von Misereor zu sprechen. Kerstin Lanje informiert uns über die weltweiten Auswirkungen der Massentierhaltung. Was mir nicht klar war: All die Tiere, die in Deutschland zerfleischt werden, können gar nicht  aus Deutschland ernährt werden. Und zwar: nicht annähernd. Ganze 67 % (!) der Nahrung werden importiert - als Soja.

v.l.: Markus Weickert, Angelina Koch, Kerstin Lanja, Elisabeth Kleffner, Stefan Nolte, Pablo Sprungala, Rainer Krause





Klimatisch eine Katastrophe, lohnt sich das für die Tiere aber wenigstens kulinarisch: Schweine mögen Soja. Viel lieber jedenfalls als die bitter schmeckenden deutschen Getreide. Trotzdem ist es absurd, in Paraguay den Regenwald zu roden, um in Deutschland Tiere zu füttern, deren Fleisch dann nach Afrika exportiert wird.

(Die Gleichung Massentierhaltung = Regenwaldabholzung funktioniert so einfach allerdings nicht. Der wird wegen des Holzes gerodet; die Sojaplantagen kommen erst danach. - Macht es das besser?)
Kerstin Lanja, Elisabeth Kleffner
Wenn Soja aber so problematisch ist - was ist dann mit all den Sojaprodukten und sojabasierten Fleischersatz, die der vegane Markt so hergibt? Muss man da dann ein schlechtes Gewissen haben? Bringt der Umstieg gar nichts fürs Klima?

Doch, meint Lanje: Die meisten Bioanbieter arbeiten mit deutschem Soja; und selbst wenn der Markt größer würde und Soja dafür importiert würde, es bräuchte nicht annähernd dieselbe Menge an Soja. Die Produktion eines Kilos Fleisch braucht die 7- bis 10-fache Menge an Soja wie die Produktion eines Kilos anderen Essens.

Und die Agrarindustrie stellt sich längst auf die weltweiten Märkte ein, da liegt die Zukunft. Denn der Bedarf in Deutschland wird zurückgehen, die Strukturen sind aber da, also wird fleißig exportiert. Milchpulver nach Burkina Faso, ebenso wie all die Teile von Tieren, die wir nicht essen (60% des Hühnerfleisches, das in Deutschland gegessen wird, ist Hühnerbrust; aber selbst bei den grotesk überzüchteten Hühnerrassen heute, die wegen ihrer großen und schweren Brust kaum mehr stehen können, sind nur 20% Brust - was glauben Sie, passiert mit dem Rest? Der reicht immer noch, um lokale afrikanische Märkte kaputt zu exportieren.) Derzeit werden in Deutschland 115% des benötigten Fleisches und der benötigten Milch erzeugt. 15% werden also exportiert. Wir arbeiten dran, diesen Anteil drastisch zu steigern.

Das bedeutet: Selbst wenn wir unsere Konsumentenmacht einsetzen und unseren Fleischkonsum einschränken, selbst wenn wir kein Fleisch aus Massentierhaltung mehr kaufen, bedeutet das nicht, dass auch nur ein Tier weniger so aufgezogen wird;  es würde dann einfach nur besseres Fleisch exportiert. Die Strukturen, geschaffen zur Ernährung einer hungernden Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg, haben sich längst verselbständigt.

Das bedeutet auch: Die Nahrung kommt von woanders, das Fleisch geht nach woanders, das einzige, was hierbleibt, wenn der Profit privat eingestrichen wurde, ist die Gülle, und die Kosten dafür werden dann vergemeinschaftet. Schöne Scheiße.

Im Sinne einer Kreislaufwirtschaft wäre es sinnvoll, mit der Gülle das Land zu düngen, auf dem das Soja wächst ... Wir schlagen vor, eine Pipeline zu bauen.  Oder man könnte die ganzen Öltanker, die um die Welt schippern, auf ihrem Rückweg mit Scheiße füllen, das hätte schon aus metaphorischen Gründen viel für sich.

1 Kommentar:

  1. Liebe Leute,
    es ist verwirrend mit den Zahlen. Etwa 67 % der EU-Agrarimporte in Tonnen aus Drittländern sind Futtermittel. Das ist eine wahnsinnig hohe Zahl. Wir importieren auch Zucker, Pflanzenfette, Wein, Obst und Gemüse, Fleisch und Milch. Wir importieren aber keinesfalls 67 % unserer Nahrungsmittel. Viele Grüße von Kerstin Lanje

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